Somatics


“Somatics is the field which studies the soma: namely, the body, as perceived from within by first-person perception. When a human being is observed from the outside, - i.e., from a third-person viewpoint - the phenomenon of a human body is perceived. But, when this same human being is observed from the first-person viewpoint of his own proprioceptive senses, a categorically different phenomenon is perceived: the human soma.“   (Thomas Hanna 1986: What is Somatics? in: Somatics 5(4):4-8)



In einer Atmosphäre des Angehens gegen Autoritätsgläubigkeit, rigide gesellschaftliche und psychologische Strukturen, atomarer Bedrohung und Umweltzerstörung einerseits und des Aufbruchs zu neuen Formen in Gesellschaft, Politik, Technologie und Psychologie wurde in den 60er und 70er Jahren „der Körper“ wiederentdeckt. Yoga, asiatische Kampfkünste, Tanztherapien, Körperpsychotherapien, Massage, Körperarbeit wie Rolfing und Polarity, Atemtherapien und Bewegungstherapien verbreiteten sich überall und mit immer wieder neuen Methoden und Methodenkombinationen. Die jeweiligen Begründer oder Vertreter all dieser Verfahren waren darauf bedacht, jeweils ihren Ansatz von den anderen abzugrenzen, so daß die Gemeinsamkeiten meist in den Hintergrund traten.


1976 gründete der Philosophieprofessor Thomas Hanna die Zeitschrift „Somatics“ als Forum all derer, die mit der „Innensicht“ des Körpers, der Körperwahrnehmung und -empfindung arbeiten. Er gab damit diesem ganzen Bereich von Arbeit und Forschung einen Namen und eine gemeinsame Identität. „Somatics“ ist seitdem in den USA und Großbritannien zum generischen Begriff avanciert. Einen entsprechenden umfassenden deutschen Begriff, der das Wirrwarr von „Körperarbeit“, „Leibarbeit“, „Körpertherapie“, „psychophysische Re-edukation“, usw. ablösen könnte, gibt es leider noch nicht.


Über die praktische Beschäftigung mit dem Soma hinaus hat „der Körper“ längst auch die Philosophie und Wissenschaft erobert. Dazu gehören die Erforschung non-verbaler Kommunikation, in der Ethnologie Studien zu Körpersymbolik, Körpergebrauch und Raumverhalten, die Erforschung körperlicher Grundlagen von Denken und Sprechen in der Linguistik, Philosopie und den Kognitionswissenschaften, die Einbeziehung des Körpers in neurowissenschaftliche Modelle des Bewußtseins und entsprechender Grundlagenforschung in künstlicher Intelligenz und Robotik. Überall dort kann man mittlerweile von somatischen Ansätzen sprechen. Somatics ist zu einem Feld geworden, das nicht nur praktische Methoden und deren Theoriebildung umfaßt, sondern eine Denkweise, ein methodischer Ansatz, der Körperwahrnehmung in Theorie und Praxis in den Mittelpunkt stellt, und der damit eine Vielzahl von ansonsten disparaten Bemühungen in Forschung, Therapie, Pädagogik, Kunst und Philosophie integriert.


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